Rüdiger Käßner
(Auszug)
[...]
Es ergab sich fast von selbst, dass sie, kaum hatten sie bezahlt und waren
aufgestanden, sich auf den Weg machten, in die Richtung, in der sie den Saxophonspieler
vermuteten; es ergab sich, weil Tanja die Idee gefiel, ihn zu finden, und
ihm vielleicht eine Weile beim Spielen zuzuhören und zuzusehen, und weil
Jan keine Lust hatte, dem etwas entgegenzusetzen, keinesfalls den Spielverderber
abgeben wollte. Alles, was er sagte, war: „Wahrscheinlich lässt
nur irgend jemand eine CD laufen“, doch das ließ Tanja nicht gelten.
Sie war fest davon überzeugt, dass gerade jetzt jemand auf einem Saxophon
spielte, dass er auf der Straße stand oder zumindest an einem offenen
Fenster, dass er sichtbar war und für diesen Abend spielte, für
alle, die zu ihm kamen und sich um ihn scharrten. Die Idee, jemand könnte
einfach eine CD laufen lassen, war ihr zu simpel.
[...]
Lange dauerte es nicht, bis sie merkten, wie schwer es auszumachen war, aus
welcher Richtung die Musik tatsächlich kam, wohin sie gehen mussten,
um sich der Quelle des Saxophonspiels zu nähern. Die Töne flatterten
durch die Straßen wie ein Schwarm Vögel, der in alle Richtungen
auseinander stob, wieder zusammenfand, Haken schlug, sich wieder trennte und
verlor in einzelne Vögel, die sich auf den Dächern, in den Bäumen,
den offenen Fenstern niederließen; die Mauern der Gebäude, zwischen
denen Tanja und Jan sich bewegten, hielten sie zum Narren, es schien ganz
so, als wären die Töne, denen sie nachgingen, nichts als Reflexionen
oder Reflexionen von Reflexionen, hinter denen das Original verschwand; zunächst
entfernte sich die Musik, dann, nachdem sie zweimal abgebogen waren, näherte
sie sich wieder, nach einer weiteren Richtungsänderung schien die Musik
erneut in weitere Ferne zu rücken. Dabei veränderte sie sich allmählich,
ging über in eine rhythmische Folge von Tönen, als warte sie auf
den Einsatz anderer Instrumente, der sie ergänzen oder vervollständigen
sollte, der aber nicht kam, fiel dann ab, als hätte sie sich erschöpft
und ihr Ende erreicht, das aber nicht kam; schnell kam sie wieder zu Kräften,
wurde wieder zu ‚Summertime where the livin’ is easy’, und
alles begann von Neuem. Dieses Spiel wäre endlos fortsetzbar gewesen,
genau wie die Versuche, ihm näher zu kommen; irgend jemand hätte
sich erbarmen und „kalt, kälter, warm, lauwarm, wieder ganz kalt“
rufen können, während sie weiter durch die Straßen irrten,
und sie wären doch nicht auf den Saxophonspieler getroffen, nie hätte
jemand die Veranlassung gehabt, „heiß! ganz heiß!“
zu rufen.
Viele der Fenster oberhalb der Ladenzeilen im Parterre der Häuser waren
geöffnet. In einigen lehnten Menschen, die Unterarme auf das Fensterbrett
gestützt, das vielleicht noch mit einem Kissen gepolstert war, und sahen
dem Treiben auf der Straße zu wie einer kostenlosen Theateraufführung;
andere Fenster waren bloß geöffnet, um die Abendluft in die vom
Tag noch brutigen Räume hereinlassen. Eine Frau in einem roten Hemdkleid
saß auf dem Sims vor ihrem dunklen Fenster und ließ die nackten
Beine an der Hauswand pendeln; mit der Schulter gegen die Mauer gelehnt rauchte
sie eine Zigarette und lächelte leicht, als Jan zu ihr hochschaute. Sie
werde schon nicht herunterfallen, schien das Lächeln sagen zu wollen,
aber danke für den besorgten Blick. Jan nickte und lächelte zurück,
für einen Moment war er sich ganz sicher, dass sie ihm das hatte sagen
wollen. Er hatte einfach nur zu ihr hochgeschaut, vielleicht gedacht, dass
sie zumindest aus diesem Abstand ziemlich gut aussah, ohne jedoch besorgt
zu sei; doch nun, da sie ihm gesagt hatte, sie werde nicht herunterfallen,
spürte er nachträglich eine kleine Besorgnis, die bereits beruhigt
worden war, bevor sie auftauchte. Kein wirkliches Wort ist gefallen, aber
wir haben uns verständigt, dachte er, doch als er sich noch einmal umdrehet,
um nach ihr zu sehen, beachtete sie ihn überhaupt nicht. Lange schwarze
Haare vor einer gelbbraunen Mauer und ein rotes Hemdkleid; ihr Arm bewegte
sich zum Gesicht, als sie wieder an der Zigarette zog.
Aus anderen Fenstern kamen Stimmen, schwer zu sagen, welche echt waren und
welche aus den Fernsehgeräten kamen. Manchmal waren sie mit Musik unterlegt,
dann wieder war es nur Musik, die auf die Straße hinaus schwappte; der
sogenannte Sommerhit dieses Jahres, eines der anderen Stücke von den
ersten Plätzen der Top Ten, einmal sogar ein Fetzen Barockmusik, der
sich aber schwer tat, gegen seine ihm so fremde moderne Konkurrenz anzukommen,
und irgendwo zählte Daliah Lavi die Wochentage auf. Schwer zu sagen,
welche Musik aus welchem Fenster kam; es war, als hätten sie alle sich
freigemacht, um ziellos zwischen den Häusern umher zu flattern, von einem
Fenster zum anderen, keinen festen Ort mehr zu haben und nur noch als Reflexionen
zwischen den Mauern zu existieren. Aber sie verhielten sich erwartungsgemäß,
tauchten auf, setzten sich gegen die Geräusche der Stadt durch, wurden
lauter, bis man vielleicht gerade unter ihrem Fenster stand, wurden dann,
ging man weiter, wieder leiser, bis sie sich wieder im allgemeinen Geräuschpegel
verloren. Hinter einem geschlossenen Fenster über einem Geschäft
für elektrische Geräte sah Jan etwas, das er nicht sofort einordnen
konnte; zunächst war es nur eine große, verwaschen grüne Fläche,
die beinahe das ganze Fenster für sich einnahm, dann verwandelte sich
die verwaschen grüne Fläche in ein gewaltiges, bis zum äußersten
ausgestopftes, verwaschen grünes T-Shirt. Am oberen Rand des Fensters
tauchte ein rundherum mit dunklen Haaren bewachsener Kopf auf, der Kopf eines
Mannes, der sich vorbeugte, mit beiden Unterarmen auf das Fensterbrett gestützt
und mit gegen die Scheibe gepresster Stirn auf die Straße hinab blickte.
Er nahm fast den gesamten Rahmen für sich ein, so groß und so dick
war er. Es müsste ‚Plopp’ machen, wenn ihn jemand von hinten
aus dem Fenster ziehen würde. Seine Augen waren erst nach unten gerichtet,
dann beugte er sich ein wenig weiter hinab, verdrehte Kopf und Hals und wandte
sich dem Himmel zu. Schließlich öffnete er einen Flügel seines
Fensters und lehnte sich weit hinaus - so weit, wie sein gewaltiger Umfang
es ihm erlaubte. Wieder musterte er zuerst die Straße, dann blickte
er hinauf zum Himmel, streckte eine Hand aus und hielt sie prüfend in
die Luft, so wie man es vielleicht macht um festzustellen, ob es noch regnet.
Aber es hatte den ganzen Tag noch nicht geregnet. Aus dem Raum hinter ihm
war jetzt, da das Fenster geöffnet war, eine Art Rockballade zu hören;
eine raue männliche Stimme sang etwas zu romantisierenden Gitarrenriffs,
denen ein kontrolliert aggressiver Rhythmus aus Bass und Schlagzeug unterlegt
war. Eine Musik, die darauf angelegt zu sein schien, Bilder von Motorrädern
auf freier Strecke hervorzurufen; schwere Maschinen, auf denen sich lederne
Gestalten in gemessenem Tempo durch menschenleere Industrielandschaften bewegten.
Das war jedenfalls die Assoziation, die sich unwillkürlich bei Jan einstellte.
Aber musste es bei dem Mann da oben denn genauso sein? Er wusste nicht warum,
aber er war überzeugt, dass der Dicke zumindest ähnliche Bilder
im Kopf hatte, wenn er diese Musik hörte - falls er ihr überhaupt
zuhörte, denn im Moment war er ja wohl eher damit beschäftigt, mit
seiner Hand nach Regen zu suchen.
[...]
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